totenstalking

Duchamp, Marcel

Maler und Objektkünstler (1887 – 1968)
Cimetière Monumental de Rouen /// Haute-Normandie, Frankreich

„D’ailleurs c’est toujours les autres qui meurent“
„Im übrigen sind es immer die anderen, die sterben“ /// Grabinschrift

Marcel Duchamp wurde am 28. Juli 1987 in Blainville-Crevon geboren. Ab 1904 studierte er an der privaten Kunstschule Académie Julian in Paris und setzte sich dort vor allem mit der impressionistischen Malerei auseinander. Nach seinem Wehrdienst versuchte er sich als Illustrator. 1909 konnte Duchamp zwei seiner Bilder in der Ausstellung des Salon des Indépendants unterbringen, weitere folgten. 1911 veränderte sich sein impressionistischer Stil hin zum Kubismus. Er wurde Mitglied der Section d’Or sowie der Puteaux-Gruppe. Schon im darauf folgendem Jahr verabschiedete er sich von der Malerei und schuf sein erstes Readymade. Duchamp zählt zu den Wegbereitern von Dadaismus und Surrealismus.

Die Readymades von Marcel Duchamp sind gewöhnliche Alltagsgegenstände, die der Künstler ausgewählt und modifiziert hat. Er benutzt sie als eine Art Gegengift zu dem, was er als „retinale Kunst“ (abgeleitet von Retina = Netzhaut oder Retinal, dem sogenannten Sehpurpur – also Objekte, die visuelle Reize auslösen, er nannte es auch Effekthascherei), bezeichnet. Duchamp behauptet, dass durch die Auswahl des Objekts, dessen Neupositionierung, Betitelung und Unterzeichnung, das Objekt zur Kunst werde. Duchamp zählt zu den Mitbegründern der Konzeptkunst, die die Bedeutung von Kunstwerken und nicht deren Ausführung in den Vordergrund stellen. Kunst kann somit der Prozess einer minimale Interaktion zwischen KünstlerIn und Kunst sein und bedarf keiner handwerklichen Fertigkeiten, keiner Effekte und keiner Geschichte.

Fountain
Das Objekt Fountain von Marcel Duchamp ist ein handelsübliches und maschinell hergestelltes weißes Urinal aus Porzellan. Er bezeichnet es als Springbrunnen oder Urquelle und beraubt ihm durch die Umbenennung und Positionierung seiner Funktion. Das Urinal ist mit dem Schriftzug „R. MUTT“ und der Datierung „1917“ versehen. Zum ersten Mal reichte Duchamp das Urinal unter dem Pseudonym R. Mutt bei der Big Show der Society of Independent Artists (SIA) im New Yorker Grand Central Palace im April 1917 ein. Trotz ihrer Einstellung, die Ausstellung weder einer Zensur noch einer Vorauswahl durch eine Jury zu unterziehen, wurde Fountain nicht ausgestellt. Man einigte sich darauf, dass der maschinengefertigte Alltagsgegenstand keinesfalls Kunst sei. Das eingereichte Urinal wart daraufhin nie wieder gesehen.

Fontaine-Duchamp

The Richard Mutt Case
They say any artist who pays six dollars may exhibit. Mr. Richard Mutt sent in a fountain. Without discussion, this object disappeared and was never exhibited. What were the grounds for refusing Mr Mutt’s fountain:
1. Some contended it was immoral, vulgar.
2. Others that is was plagiarism, a plain piece of plumbing.
Now Mr Mutt’s fountain is not immoral, that is absurd, no more than a bathtub is absurd. It is a fixture which you see every day in plumbers‘ show windows. Whether Mr Mutt made the fountain with his own hands or not has no importance. He CHOSE it. He took an article of life, placed it so that its useful significance disappeared under the new title and point of view – created a new thought for that object. As for plumbing, that is absurd. The only works of art America has produced are her plumbing and her bridges. /// The Blind Man, New York 1917

Duchamp ließ im Laufe seines Lebens mehrere Repliken anfertigen. Seine Anfertigungen aus 1964 stehen heute im Indiana University Art Museums (San Francisco), Centre Georges Pompidou (Paris), in der Tate Modern (London) und im Philadelphia Museum of Art. Kritik an Duchamps Kunstbegriff übten unter anderem Joseph Beuys und der Aktionskünstler Pierre Pinoncelli, der das Urinal zu seiner ursprünglichen Funktion zurückführte und 2006 in Paris in das Becken urinierte.

„Der Bruch mit der gegebenen Wirklichkeit kann durch die reine Ortsveränderung eines Objektes nie erreicht werden. Duchamps Urinoir bleibt auch im Museum ein Urinoir; seine Funktion ist lediglich außer Kraft gesetzt; es bleibt, was es ist: ein Pißbecken. Umgekehrt ist ein Gemälde von Cézanne auch auf dem Klosett ein Gemälde von Cézanne.“ /// Marcuse, Herbert, Nachgelassene Schriften Bd. 2, Kunst und Befreiung

Betrachtet man Duchamps Kunstbegriff als Kritik am Kunstmarkt, so bekommen seine Ausstellungen und Objekte einen subversiven Inhalt. Doch Herbert Marcuse beschreibt Duchamps Readymades nur als Pseudo-Befreiung. Durch die Einebnung der Grenze zwischen erlebter Wirklichkeit und Kunst-Erlebnis gehe seines Erachtens die transzendente Dimension verloren. Der Hype um Duchamp ist somit zu hinterfragen. Die Rezeption Duchamps hat einen immanenten und kurzweiligen Charakter. Er hat bewiesen, dass Kunstwerke immer in Abhängigkeit zur Person und ihren Förderern stehen. 1917 wurde das von seinem unbekannten Pseudonym eingereichte Werk Fontaine abgelehnt. In den 1960ern wollte jeder ein Pissoir des berühmten Künstlers. Sein Kunst legte Machtstrukturen offen und kritisierte den kommerzialisierten Kunstmarkt. Doch durch diesen Zynismus verliert die Kunst mit Duchamp seine Transzendenz. Gesellschaftliche Utopien, wie sie Marcuse bei Cézanne sieht, existieren nicht mehr. Die Kunst herausgelöst vom Jetzt wird negiert. Cézanne schafft auf der Toilette mehr Verlangen als Duchamp im Museum. Duchamp braucht die Kulturindustrie, damit seine Kunst funktioniert, Cézanne braucht sie nicht.

Titelfoto von David Horvitz unter Creative Commons.
Fontaine-Bild von Micha L. Rieser unter Creative Commons.

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Dieser Beitrag wurde am 08/02/2013 um 14:54 veröffentlicht. Er wurde unter Einzelperson, Fundstück abgelegt und ist mit , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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