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Grünbaum, Fritz Friedrich

Kabarettist, Operetten- und Schlagerautor, Regisseur, Schauspieler und Conférencier (1880 – 1941)
Wiener Zentralfriedhof /// Alter Israelitischer Friedhof, Tor 1 /// Gr. 20, Grab 22

„Fritz Grünbaum, 1880 in Brünn geboren, studierte in Wien Jus. Gleich nach dem Abschluß des Studiums wurde er Conférencier des neuen Kabaretts Hölle, einem Etablissement im Souterrain des Theaters an der Wien, dem er die nächsten Jahr- zehnte verbunden blieb.

Als während eines Grünbaum-Vortrages in der „Hölle“ ein junger österreichischer Offizier eine laute antisemitische Bemerkung machte, brach Grünbaum seinen Vortrag ab, stieg vom Podium und klatschte dem Offizier eine Ohrfeige ins Gesicht. Danach setzte er seine Vorstellung fort. Später forderte der Offizier Fritz Grünbaum zu einem Duell „auf Säbel und Pistolen“ auf, bei welchem Grünbaum verwundet wurde.
Fritz_Gruenbaum_mit_Kollege

1907 gelang Grünbaum der Sprung nach Berlin. 1914 hatte er seinen ersten Auftritt im Simpl, wo er zusammen mit Karl Farkas die sogenannte „Doppelconférence“ zur Hochblüte führte. Grünbaum, ein Wiener Conférencier mit Brünnerisch gefärbter Sprachmelodie, wurde in beiden europäischen Kabarettmetropolen gleichermaßen gefeiert. In Berlin trat er in Filmen auf, schrieb Texte für Schlager und verfasste Drehbücher, in Wien war er in verschiedenen Kabaretts tätig.
1933 wurden seine Texte in Wien politischer. Bei einem seiner letzten Auftritte im Wiener Kabarett scherzte er noch bei einem Stromausfall, als die Lichter ausgin- gen: „Ich sehe nichts, absolut gar nichts, da muss ich mich in die nationalsozialis- tische Kultur verirrt haben.“ Am 10. März 1938, dem Tag vor dem Einmarsch der deutschen Truppen nach Österreich spielte er mit Karl Farkas ein letztes Mal im Simplicissimus. Danach erließ die Reichskulturkammer Auftrittsverbote für jüdische Künstler. Fritz Grünbaum versuchte einen Tag später mit seiner Frau Lilly Herzl, der Nichte von Theodor Herzl, in die Tschechoslowakei zu flüchten, wurde jedoch an der Grenze abgewiesen. Noch eine Weile versteckte er sich in Wien, wurde dann aber verraten und am 1. April 1938 mit dem „Prominententransport“ in das Konzen- trationslager Dachau deportiert. Später wurde er nach Buchenwald und schließlich wieder nach Dachau gebracht. Er starb – laut Totenschein ist er „an Herzlähmung abgegangen“ – im Konzentrationslager Dachau am 14. Januar 1941, nachdem er zu Silvester noch ein letztes Mal vor seinen Leidensgenossen aufgetreten war und kurz danach eine Selbsttötung versucht hatte.
Tatsächlich starb er entkräftet an der Tuberkulose, zermürbt von den Demütigungen und gebrochen von den Misshandlungen; trotzdem verstummte seine spitze Zunge bis zum Schluss nicht. Als ihm ein KZ-Aufseher ein Stück Seife verweigerte, kommentierte Grünbaum dies mit den Worten: „Wer für Seife kein Geld hat, soll sich kein KZ halten“.

Grünbaum war auch ein namhafter Kunstsammler. Nach der „Arisierung“ seiner Wohnung 1938 wurden die 453 Werke (Dürer, Rembrandt, Degas, Spitzweg, Ko- koschka, 60 Arbeiten von Schiele – unter anderem „Tote Stadt III“, das sich heute im Leopold Museum Wien befindet) sowie seine Bibliothek zwangsverkauft. Verkaufs- weg und Verbleib der Grünbaum-Sammlung wurden bis heute noch nicht zur Gänze aufgeklärt und nur teilweise restituiert.“

Text aus der „Broschüre zum antifaschistischen Gedenkrundgang am 11.11.2012 – Wien, 4. Bezirk, Wieden & 5. Bezirk, Margareten“ /// rundgang.blogsport.de

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Dieser Beitrag wurde am 14/01/2013 um 17:56 veröffentlicht. Er wurde unter Fundstück abgelegt und ist mit , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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