totenstalking

Die Todesliste

Die Todesliste
Wer bekommt einen Nachruf und wer nicht? Und: Wessen Nachruf wird schon zu Lebzeiten vorbereitet? Einige Anmerkungen zum Nekrolog einer großen österreichischen Qualitätszeitung.

Im konkreten Fall geht es um ein makaberes Kuriosum einer immer schnelllebigeren Medienlandschaft: Zu Lebzeiten vorbereitete Nachrufe. Derartige Sammlungen, im Fall von TV-Station oftmals sogar fertig geschnittene Beiträge, gibt es in vielen Medienhäusern. Im Todesfall kann man so möglichst schnell – schneller als die Konkurrenz, so das Kalkül – veröffentlichen. Interessant ist also weniger der Umstand, dass so etwas existiert, sondern sehr konkret die Frage wer zum elitären Kreis der lebenden Toten gezählt wird (und wer nicht).

Erwartete und unerwartete Trauerfälle

Da gibt es zum einen die „Ich dachte, die sind schon lange tot“-Gruppe mit Ariel Sharon, Kurt Krenn und Alois Mock. Wenige Überraschungen hingegen in der „Sollte man immer vorrätig haben“-Gruppe mit Joseph Ratzinger a.k.a Papst Benedikt XVI., Helmut Schmidt, Niki Lauda, Margaret Thatcher und Queen Elizabeth. Etwas bizarrer ist hingegen die „Warum sollten ausgerechnet die demnächst sterben“-Gruppe mit Silvio Berlusconi (geboren 1936 – kann man diskutieren), Vivienne Westwood (geboren 1941 – müsste nicht unbedingt sein) und Gery Keszler (geboren 1963 – verdammt jung für so eine Liste!).

So gut wie alle namhaften JournalistInnen des Blattes sind in das makabere Spiel, fein in Ressorts gegliedert, involviert: Der Medienredakteur wird beauftragt einen Nachruf auf Gerd Bacher zu verfassen, eine auf das Thema Menschenrechte spezialisierte Redakteurin soll für die Chronik um Ute Bock trauern. Im Bereich Innenpolitik wird sich ein führender politischer Kommentator vorsorglich von Franz Vranitzky verabschieden.

Kaum Frauen

Sieht man vom rein kuriosen Aspekt eines solchen Projekts ab, hat das ganze eine immanent politische Seite. Wer wird medial betrauert? Wer wird vergessen? In diesem Zusammenhang fällt auf, dass sich kaum Frauen unter den 85 „zu Sterbenden“* finden. Aus dem Kultur-Bereich sind es Vivienne Westwood, Tina Turner sowie die Malerin Maria Lassnig. Die Chronik widmet sich – wie bereits oben erwähnt – der englischen Königin und Ute Bock. In den Königsdisziplinen Innen- und Außenpolitik sind Freda Meissner-Blau, Madeleine Albright und Margaret Thatcher ziemlich alleine unter Männern. Im Bereich Wirtschaft wird lediglich eine Frau zu Lebzeiten betrauert: Die ehemalige Präsidentin der Österreichischen Nationalbank Maria Schaumayer. Das Geschlechterverhältnis beträgt somit 9:76. Die Bereiche Sport und und Kommunikation kommen gänzlich ohne Frauen aus.

Mit Nachrufen wird Geschichte gemacht. In besagter Nachrufsammlung ist es – wie vermutlich in vielen anderen auch – eine fast ausschließlich männliche. Ziel dieses Beitrages ist es deshalb auch weniger, die an diesem Projekt beteiligten JournalistInnen bloß zu stellen oder diese Praxis, so kurios sie auch sein mag, zu verurteilen, sondern zum Nachdenken über die damit verbundenen Kanonisierungsprozesse anzuregen. Kurz gesagt: Wenn man schon einen Teil seines Einkommens damit bestreitet, über lebende so zu schreiben, als wären sie tot, könnte wenigstens die Auswahl etwas weniger männlich und etwas weniger weiß sein.

Mit lieben Dank an fernseherkaputt für den tollen Artikel!
Titelfoto von Usien unter Creative Commons.

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Dieser Beitrag wurde am 25/10/2012 um 16:06 veröffentlicht und ist unter Fundstück abgelegt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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