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Wiener Zentralfriedhof – 1

Geschichte 

Nach einer Wettbewerbsausschreibung für den Bau eines „Central-Friedhofes“ im Jahr 1870 wurde der Wiener Zentralfriedhof von den Gartenarchitekten Karl Jonas Mylius und Alfred Friedrich Bluntschli auf dem von der Stadt erworbenen Grundstück in Kaiserebersdorf und Simmering geplant. Der Wiener Zentralfriedhof wurde von Beginn an als interkonfessionelle Begräbnisstätte geplant und löste somit immer wieder Konflikte und Proteste aus. Trotz der stetigen Betonung der Konfessionslosigkeit musste sich der Wiener Gemeinderat kurz vor der Eröffnung 1874 mit der (meist heimlichen) Weihung unterschiedlicher Areale des Geländes auseinandersetzen. Insbesondere in katholischen Kreisen wurde vehement mit Kundgebungen und Protesten für eine Weihung demonstriert, nachdem bekannt wurde, dass die jüdische Glaubensgemeinde einen großen Teil des Westareals zugesprochen bekommen hatte. Der Wiener Gemeinderat musste auf Druck nun etwaige Weihungen zulassen, verbot jedoch eine klerikale Ministerialgewalt über den Friedhof.

Doch nicht nur die Konflikte mit der Katholischen Kirche machten den BetreiberInnen zu schaffen. Der Zentralfriedhof wurde von Anfang an wegen seiner Lage, der beschwerlichen Anreise (damals gab es noch keine Straßenbahnlinie zum Zentralfriedhof) und der kargen Landschaft kritisiert. Nicht nur die Besuche, sondern auch die Leichentransporte zu dem am Stadtrand befindlichen Friedhof stellten ein Problem dar. Die Simmeringer Hauptstraße war tagtäglich mit hunderten Leichen auf Pferdewägen gesäumt. Die stetige Konfrontation mit dem Tod löste großen Widerstand in der Bevölkerung aus. Um die Beliebtheit des Friedhofes zu steigern, beschloss der Gemeinderat 1881 die Errichtung einer Ehrengräberanlage. Dazu wurden berühmte Persönlichkeiten (u.a. Beethoven und Franz Schubert) von anderen Friedhöfen auf den Zentralfriedhof verlegt. Um die Attraktivität weiterhin zu steigern wurde 1910 eine Friedhofskirche von dem Architekten Max Hegele erbaut. 1918 wurden dann zum ersten Mal elektrifizierte Straßenbahnen für den Leichentransport genutzt.

1922 wurde trotz strikter Ablehnung der katholischen Kirche und eines Verbots durch den Minister für soziale Verwaltung Richard Schmitz (Christlich-Soziale Partei) die Feuerhalle Simmering eröffnet, die sich gegenüber dem Hauptportal befindet. Die Einrichtung wurde insbesondere von den Sozialdemokrat_innen und der Arbeiter_innenbewegung gefordert und von der Katholischen Kirche und christlich-sozialen Politikern massiv bekämpft. Ein am Verfassungsgerichtshof angestrebtes Amtsenthebungsverfahren gegen den sozialdemokratischen Wiener Bürgermeister Jakob Reumann blieb erfolglos.

Am 9. November 1938 wurde die Zeremonienhalle in der alten Israelitischen Abteilung im Zuge der Novemberpogrome, die großen Zuspruch in der Wiener Bevölkerung fanden, gesprengt und jene in der neuen Israelitischen Abteilung verwüstet. In beiden Abteilungen wurden unzählige Grabstätten beschädigt oder zerstört. Während des Zweiten Weltkrieges wurden Widerstandskämpfer_innen und Deserteure hingerichtet und ohne Kenntnis der Familie, unter Ausschluss der Öffentlichkeit und ohne Zeit- und Datumsangabe in Schachtgräbern verscharrt. Heute steht dort ein Mahn-und Gedenkstätte (Gruppe 40). Es war eine der ersten nach 1945 errichteten Gedenkstätten in Österreich, die jedoch wegen ihrer christlichen Symbolik (ein großes Holzkreuz) reichlich ambivalent ist.

Der heutige Umgang mit Gräbern berühmter Nationalsozialisten am Zentralfriedhof war und ist Gegenstand medialer und politischer Debatten. Dem 1944 beigesetzten Walter Nowotny (NSDAP-Mitglied und Pilot der deutschen Luftwaffe) wurde 2003 der Status des Ehrengrabes aberkannt. Sein Grab befindet sich jedoch nach wie vor im Ehrenhain des Zentralfriedhofs und wird nunmehr von einem privaten Verein gepflegt. Immer noch gibt es regelmäßig, meist zu seinem Geburtstag, Todestag oder zu Allerheiligen rechtsextreme Kundgebungen an diesem Grab, das nur wenige Meter von der Grabstätte der Antifaschistin Rosa Jochmann entfernt liegt.

Der Zentralfriedhof wurde seit seiner Eröffnung siebenmal erweitert (zuletzt 1921). Der 2,5 km² große Friedhof beherbergt ca. 330.000 Grabstellen und ist somit nach der Gesamtfläche der zweitgrößte Europas. Er ist nicht nur durch seine bestatteten Berühmtheiten ein touristischer Magnet, sondern auch wegen des prunkvollen zelebrierten Totenkultes mit großen und aufwendig gestalteten Grabsteinen und Familiengruften.

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Dieser Beitrag wurde am 25/07/2012 um 01:14 veröffentlicht. Er wurde unter Friedhof abgelegt und ist mit , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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